Holly Win: Wie Achtklässler Sechstklässlern das Lesen erleichtern

Holly Win beginnt mit einer unscheinbaren Frage

Am ersten Montag im Oktober liegt in einem Klassenzimmer der NMS Brüsslgasse kein Lehrerheft auf dem Tisch, sondern ein Stapel dünner Bilderbücher. Eine Achtklässlerin fragt ihren sechzehnjährigen? Nein, ihren sechs Jahre jüngeren Mentee: „Welche Geschichte hat dich als Kind nicht losgelassen?“ Aus dieser Frage entsteht Holly Win – ein Leseprojekt, das ältere Schülerinnen und Schüler zu Mentorinnen und Mentoren macht. Der Ansatz ist bewusst klein: keine Leistungstests, keine Note, keine Elternabende mit Folien. Stattdessen sitzen pro Woche zwölf Zweierteams für zwanzig Minuten zusammen und lesen laut, abwechselnd, ohne Tempo-Vorgabe.

Der Ausgangspunkt: Lesen ohne Druck

Viele Sechstklässler kennen Lesen als Prüfungssituation: ein Text, drei Fragen, ein Punkteschema. Holly Win dreht die Reihenfolge um. Zuerst wählen die Kinder ein Buch aus, dann lesen die Achtklässler eine Seite vor, danach tauschen sie die Rollen. Die Mentorinnen und Mentoren erhalten dafür eine kurze Schulung: Pausen zulassen, nicht korrigieren, nur bei stockendem Lesefluss ein Wort anbieten. Genau diese Zurückhaltung macht den Unterschied. Ein Schüler, der im Unterricht kaum laut liest, brachte nach vier Wochen freiwillig ein Comic-Heft mit und las daraus zwei Seiten vor.

Die Entwicklung: Von der Idee zur festen Routine

Aus einem einmaligen Test wurde eine feste Routine. Holly Win findet jetzt jeden Dienstag in der siebten Stunde statt, betreut von zwei Lehrkräften und einer ehrenamtlichen Leseassistenz. Die Schule hat den Ablauf inzwischen verschriftlicht; die Projektdokumentation ist unter https://nmsbruesslgasse.at/ abrufbar. Wichtig für den Transfer: Die Rollen sind nicht starr. Wer im ersten Halbjahr mentoriert wurde, kann im zweiten Halbjahr selbst Mentorin werden. So bleibt Holly Win kein Gefälle zwischen „stark“ und „schwach“, sondern ein Kreislauf, in dem Kompetenz wandert.

Das Ergebnis: Sichtbare Fortschritte und ein neues Miteinander

Nach einem Semester zeigen sich zwei Effekte. Erstens lesen die Sechstklässler messbar flüssiger: In einer internen Erhebung stieg die Zahl der Wörter pro Minute im Durchschnitt um vierzehn, ohne dass dafür geübt wurde. Zweitens verändert sich der Ton im Schulhaus. Achtklässler, die früher eher distanziert waren, grüßen ihre Mentees im Gang und fragen nach dem nächsten Buch. Für die Lehrkräfte ist das der eigentliche Gewinn: Holly Win schafft Beziehungen, die im regulären Stundenplan keinen Platz haben.

Was andere Schulen übernehmen können

Holly Win braucht keinen großen Etat. Drei Dinge genügen: ein festes Zeitfenster, eine kurze Schulung für die Mentorinnen und Mentoren sowie die Bereitschaft, Leistung nicht sofort zu bewerten. Wer das Projekt kopieren will, sollte mit einer einzigen Klasse beginnen und nach sechs Wochen nachjustieren. Der Name Holly Win steht dabei für einen einfachen Gedanken: Lesen wird leichter, wenn jemand mitliest, der nicht prüft, sondern zuhört.